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Wenn das Leben die Weihnachtsgeschichte schreibt

Mit den guten Vorsätzen ist es so eine Sache. Alljährlich, wenn der Advent beginnt und das Weihnachtsfest naht, will ich eine Festtagsgeschichte schreiben, und alljährlich fehlen mir dann die Worte und Ideen. Jetzt aber bekomme ich weibliche Hilfe und Inspiration. Es ist die Erinnerung, die mir zur Seite steht und mich in Form einer sechzigjährigen Fotografie anspringt.

weihnachtsfest

Die Weihnachtsgeschichte, die ich nicht mehr schreiben muss, weil das Leben sie längst geschrieben hat, beginnt wie ein Märchen: Es waren einmal fünf Buben, die erwartungsvoll dem nahen Weihnachtsfest entgegenblickten, was ihren liebevollen Eltern Sorge bereitete. In der damaligen Zeit ersetzte man jeweils als Weihnachtsgeschenk ein ausgetragenes Kleidungsstück oder einen Pyjama, verschenkte warme Finken oder selbstgestrickte Handschuhe. Für Spielsachen oder für ein lukullisches Mahl war in der siebenköpfigen Familie kein Geld übrig. Die Eltern litten darunter mehr als ihre Kinder und überlegten sich fortwährend, wie sie ihren fünf Buben Freude bereiten und auch ein paar Spielsachen verschaffen konnten. Sie beschafften sich dann Seidenpapier und besorgten in einer Bibliothek bebilderte Märchenbücher. Aus diesen Leihgaben wurden dann unter fahrlässiger Missachtung von Bildrechten mit Bleistift und Seidenpapier Figuren auf Karton übertragen. Von Hand bemalt und rückseitig mit Holzstäbchen stabilisiert, hat man diese Kartonminiaturen dann in eine große, auf der Innenrückseite ebenfalls bemalte Schachtel gestellt und den erfreuten Buben zu Weihnachten ein perfektes Minitheater geschenkt. Belebt worden ist das geniale Geschenk durch den Vater, der als Drehbuchautor und Regisseur für eine perfekte Inszenierung spannender Geschichten sorgte. Dank Mutters Back- und Kochkünsten und einem aus dem zweiten Weltkrieg stammenden Rezeptbuch entstand schliesslich aus den kargen Vorräten auch noch ein eigentliches Festmahl, und dieses Weihnachtsfest wird allen Beteiligten zeitlebens als schönstes in Erinnerung bleiben. Die Buben fühlten sich reich beschenkt und spürten, dass ihre Eltern glücklich waren.

Seither sind viele Jahre vergangen. Mittlerweile ist sogar Wohlstand eingekehrt. Man konnte und kann sich plötzlich dies und jenes leisten. So schön wie das hier beschriebene Weihnachtsfest wird trotzdem keines mehr sein. Wir werden jenes Fest und die Güte unserer Eltern nie vergessen. Sie haben uns Bescheidenheit und Nächstenliebe vorgelebt und in späteren Jahren erneut spezielle Weihnachtserlebnisse beschert: In den für uns wirtschaftlich besseren Jahren durften wir in der Altstadt unserer Wohngemeinde ausschwärmen und in ärmlichen Mietshäusern Geschenke verteilen. Das ist in einer Zeit gewesen, in der man noch „Bitte Thüre schließen“ geschrieben hat, wirklich mit „Th“. Ich habe damals erlebt, was es bedeutet, wenn es in einem mehrgeschossigen Haus kein Badezimmer und nur ein einziges WC für alle im Parterre hat. Bescheidenheit muss mir deshalb niemand mehr verordnen. Was ich dank meinen gütigen Eltern erleben durfte, war das größte Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe und bekommen werde.

Manchmal duftet es an Weihnachten nicht nach feinem Gebäck, sondern nur nach Kohlsuppe. Wer dann den abgestandenen Mief einer ärmlichen Behausung mit weihnachtlicher Freude vertreibt, hat seine Weihnachtgeschichte bereits geschrieben.

Peter-Jürg Saluz

2 Kommentare zu “Wenn das Leben die Weihnachtsgeschichte schreibt

  1. Brigitte Wood

    Peter-Juerg Saluz und Familie,
    Wir haben Ihre wunderschöne und auch traurige Weihnachtsgeschichte gelesen .Sie hat uns sehr berührt. Ich denke auch an meine Kinder -Weihnachtserlebnisse zurück, in Nachkriegs -Deutschland,in denen wir Kinder Melodien hörten,
    für Geige und Singstimme und der Weihnachtsmann statt vieler Geschenke Glück brachte.Danke,von Herzen,an Sie und Ihre Familie

    • Liebe Frau Wood

      Dass man sogar in Amerika Kenntnis von dieser Geschichte nimmt, freut mich sehr. Da Sie meine Eltern gekannt haben, wissen Sie, wie glücklich meine Jugend gewesen ist. Wenn in Ihrer Erinnerung die weihnachtlichen Melodien aus Ihrer Kinderzeit erklingen, wird Ihnen und Ihrem Mann sicher warm ums Herz, und Herzenswärme ist genau das, was wir uns an den bevorstehenden Festtagen und eigentlich immer wünschen.

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