vogelbeerfruechte

Wunsch des Vogelbeerbaumes

Draußen am Waldrand wuchs ein junger, fideler Vogelbeerbaum. Von der dicken und sehr weisen Eiche hatte er gehört, dass jedes Jahr, wenn die Tage besonders kurz waren, die Menschen kamen und sich einen Baum holten. Eichelhäher hätten ihr immer berichtet, was mit den Bäumchen geschah. Sie wären zu Weihnachten in den Stuben der Menschen aufgestellt und festlich aufgeputzt worden – im Schein unzähliger Kerzen. Und die Menschen stünden mit leuchtenden Augen herum und sängen wunderbare Lieder.

Das wollte der Vogelbeerbaum auch einmal erleben. Unbedingt! Na, da musst du dich aber sehr anstrengen, meinten die Erlen und Weiden am Bach, klapperten belustigt mit ihren Zapfen und raschelten mit schmalen Blättern. Also fing der kleine Vogelbeerbaum an, im nächsten Sommer zu wachsen und zu wachsen. Recht schön groß und schlank wollte er werden, damit er den Menschen gut ins Auge fiele. Aber die kamen und holten eine von den Fichten, obwohl die doch so stachelige Zweige trugen.

„Du musst eben hübsch klein bleiben“, riet die Linde, „damit du in die Stuben der Menschen hinein passt. Schau, unter meine Krone kannst du dich gut ducken.“ Der Vogelbeerbaum strengte sich mächtig an, um im nächsten Sommer keinen Millimeter an Höhe zuzulegen. Besser ich treibe ein paar mehr Zweige von unten her, dachte er sich, dann werde ich schön buschig. Doch erneut hatten die Menschen kein Auge für ihn und nahmen eine kleine Tanne mit, obwohl die ziemlich schief geraten war.

„Lege dir doch einen besonderen Schmuck zu“, schlug die Esche vor. „Meine geflügelten Nüsse nehmen die Menschen gar nicht wahr, wohl aber die saftig-runden und prächtig gefärbten vom Apfelbaum.“ Statt zu wachsen trieb der Vogelbeerbaum nun viele Blüten, die zu kleinen, dafür leuchtend orangeroten Äpfelchen wurden. Als im Herbst die Vögel kamen und davon naschen wollten, machte das Bäumchen seine Früchtchen bitter, um sie vor den hungrigen Schnäbeln zu bewahren. Zwar blieb ein wenig roter Schmuck an den Zweigen hängen, die Menschen jedoch entschieden sich für eine Kiefer. Es schien sie nicht zu stören, dass die schon arg dürr war.

„Du musst deine Blätter eben behalten“, wies schließlich die Eiche den Vogelbeerbaum an. „Hast du denn nicht bemerkt, dass die Menschen immer nur Bäume holen, die ihr Laub auch im Winter tragen?“ Gut, dass die Eiche so weise war, genau daran musste es liegen! Im folgenden Herbst mühte der Vogelbeerbaum sich ab, nur ja kein Blättchen zu verlieren. Die Fiedern mit den feinen Sägezähnchen am Rand wurden nacheinander goldgelb und weinrot, blieben aber an den Zweigen hängen.

Als die stille Zeit nahte, kamen die Menschen wieder in den Wald. Schon meinte der Vogelbeerbaum, dass sie geradewegs zu ihm liefen, und sein hölzernes Herz im Stamm jubilierte. Tatsächlich – die Menschen blieben bei ihm stehen. Sie schauten zu seinen Zweigen hinauf und bewunderten die Pracht der bunten Blätter. Einer von ihnen rüttelte an seinem Stamm, da rieselten mit einem Mal sämtliche Blätter auf die Menschenschar hinab. Lachend und prustend schüttelten sie sich und gingen zur Lichtung. Von dort nahmen sie eine Douglasie mit, die nur auf der einen Seite einigermaßen ordentlich, auf der anderen aber furchtbar schäbig aussah.

Jetzt verlor der Vogelbeerbaum alle Hoffnung. Wenn nicht einmal der Rat der weisen Eiche nutzte … Er ärgerte sich über die Menschen, die einen krummen Baum bevorzugten, ihn dagegen auslachten und verachteten. Im nächsten Frühling verströmten seine Blüten vor lauter Gram einen herben Geruch. Seine vormals grüngrau glänzende und glatte Rinde bekam Risse und färbte sich matt dunkelgrau. Die Früchte schmeckten so bitter, dass selbst die Vögel davon abließen. Sobald der Herbst einzog, warf der Vogelbeerbaum all seine Blätter ab. Traurig ließ er seine kahlen Zweige hängen, und beachtete die Menschen nicht, als sie wie jedes Jahr in den Wald kamen. Sie holen ja doch nur eine Fichte, ein Tännchen, eine Kiefer oder eine Douglasie, dachte der Vogelbeermaum – dieses Jahr vielleicht auch eine der Nordmanntannen aus der Schonung.

Doch was war der Vogelbeerbaum überrascht, als die Menschen rund um seinen Stamm stehen blieben und beratschlagten, wo sie schneiden sollten. Schon waren einige Zweige abgetrennt. Was wollen sie denn mit meinen Trieben, fragte sich der Vogelbeerbaum? Denn die Nordmanntanne nahmen die Menschen auch noch mit. Er bat den Eichelhäher, zu den Menschen zu fliegen und zu spionieren.

Aufgeregt wartete der Vogelbeerbaum auf seine Rückkehr des Vogels. „Die Menschen haben die kleine Tanne geschmückt, sich an ihr gefreut und sie dann aber hinters Haus geworfen“, berichtete der Eichelhäher. Ganz braun sind ihre Nadelblätter schon. Morgen soll sie zerhackt und ins Feuer geworfen werden. Da fiel dem Vogelbeerbaum ein Stein von seinem hölzernen Herzen. Welch grausames Schicksal.

„Und was ist mit meinen Zweigen geschehen?“, fragte der Vogelbeerbaum voller Angst den Eichelhäher. „Haben sie die auch einfach fürs Feuer gesammelt?“ Der Eichelhäher plusterte seine bunten Federn auf. „Nein, deine Zweige haben die Menschen genommen und die Obstbäume in ihren damit Gärten berührt. Sie wollten den Äpfeln, Birnen und Zwetschgen etwas von deiner Lebenskraft spenden. Denn sie waren beeindruckt von deinem schnellen Wachstum, von deiner Blühfreudigkeit, von deinem reichen Fruchtansatz und deiner herrlich bunten Herbstfärbung.“

Da wurde der Vogelbeerbaum fast ein bisschen rot. So etwas hätte er nicht erwartet. Er hatte die Menschen für herzlose, engstirnige Wesen gehalten, die sich nur für ausgefallene und selbst im Winter grüne Bäume interessierten. Ein warmer Schauer lief ihm unter der Rinde bis in die Krone hinauf, tiefe Zufriedenheit und wahrer Stolz durchfluteten seine Äste. Jetzt konnte Weihnachten kommen!

Karin Greiner

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