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Weihnachtliche Träumerei

Im Lauf der Zeit habe ich ein großes Geschichtenlager angelegt und trotzdem noch viele Ideen nicht umgesetzt. Das wird mir gerade jetzt wieder einmal bewusst, weil Renate Blaes Interesse an Advents- und Weihnachtsgeschichten von Dritten bekundet. Wenn ich darüber nachdenke, was ich der vielseitigen Autorin, Universalkünstlerin und Katzenliebhaberin an Weihnächtlichem zur Verfügung stellen kann, muss ich selbstkritisch feststellen, dass ich schriftlich Verwertbares fast nur in der Vergangenheit finde.

Ich erinnere mich beispielsweise an das Weihnachtsfest 1956, das wir in unserem übervollen Wohnzimmer mit ungarischen Gästen erleben durften. Meine Eltern haben diese Menschen damals im Auffanglager in Buchs abgeholt und zu uns gebracht, damit sie mit uns feiern konnten. Es ist ein wunderschöner Anlass mit glücklichen Menschen geworden. Wir haben Speis und Trank und auch alles andere mit unseren neuen Freunden geteilt und erfahren, dass geteilte Freude wirklich doppelte Freude ist. Als Kind im Vorschulalter habe ich allerdings damals nicht alles begriffen. Verwundert bin ich zum Beispiel gewesen, weil meine Mutter ihr Geschenk, einen neuen Wintermantel, gleich weiter verschenkt und sich für ein weiteres Jahr mit einem längst abgetragenen Kleidungsstück zufrieden gegeben hat. Dass ich eine meiner Lieblingsspeisen nicht mit der damals üblichen Bezeichnung erwähnen durfte und umschreiben musste, wenn ich davon etwas abbekommen wollte, ist ebenfalls ziemlich mysteriös gewesen. Russischen Salat mag ich heute längst nicht mehr. Im Jahr 1956 konnte ich davon aber nicht genug kriegen. Aus dieser Erinnerung ergibt sich eine Schlussfolgerung: Die Formel „für jeden Nachschlag eine neue Bezeichnung“ macht wortschöpferisch. Man sollte die seinerzeitige Praxis daher auch ohne diplomatische Notwendigkeit heute ebenfalls wieder anwenden.

Die Festtage des Jahres 1956 haben sich übrigens als äußerst nachhaltig erwiesen, denn unsere damaligen Gäste sind meinen Eltern bis ins hohe Alter freundschaftlich verbunden geblieben. Dass meine Eltern im Jahr 1961 mit Menschen aus Tibet und im Jahr 1968 mit solchen aus der damaligen Tschechoslowakei unter ähnlichen Gegebenheiten Freundschaften begründen konnten, beweist ganz klar, wie motivierend die liebenswürdigen Menschen aus Ungarn mit ihrer Dankbarkeit gewirkt haben.

Auch diese weihnachtliche Schilderung beruht auf vergangenen Erlebnissen. Daher will ich jetzt wirklich in die Gegenwart wechseln. In dieser weihnachtlichen Zeit erlebe ich nämlich Unglaubliches: Alle Diktatoren und Verbrecher dieser Welt treffen sich zu einer Feier und schwören gemeinsam der Gewalt ab. Sie teilen Speis und Trank und alles, was sie haben. Dann betrachten sie still und friedlich einen Weihnachtsbaum, auf dem jetzt zuoberst mit leisem Flügelschlag die Friedenstaube landet. Im weißen Gewand tritt nun der Friedensengel in den Raum. Alle spüren, dass sich alles zum Guten wendet, und jedes Gesicht nimmt weiche Züge an. Alles wirkt wie ein Gruppenbild von David Hamilton, doch dann lösen sich die ohnehin weichen Konturen vollständig auf. Ich erwache und merke, dass der schönste Teil dieser Weihnachtsgeschichte leider ein nie wahr werdender Traum gewesen ist.

Peter-Jürg Saluz

1 Kommentar zu “Weihnachtliche Träumerei

  1. Peter-Jürg Saluz

    Ob man das darf, weiss ich nicht, aber ich mache es. Diesen Beitrag widme ich – übrigens mit Einverständnis meiner Frau – unserer phantastischen Zahnärztin. Frau Dr. med. dent. Krisztina Lendvay erinnert mich auf eine spezielle Art an das Weihnachtsfest mit den Gästen aus Ungarn. Die 1956 erlebte ungarische Herzlichkeit ist nämlich dank dieser jungen Dentistin mit ungarischen Wurzeln in unser Leben zurückgekehrt.

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