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Weihnachtliche Rettungsaktion

Ben lief aufgeregt auf und ab und winselte dabei immer wieder mal leise vor sich hin. Zuerst beachtete Manni das nicht, weil er davon ausging, dass sein Hund nur mal wieder seine Aufmerksamkeit wollte. Also blieb er einfach vor seinem PC sitzen und tat so, als würde er das gar nicht mitkriegen.

Erst als Ben an ihm hochsprang und über seinen Oberschenkel kratzte, wandte Manni den Blick vom Bildschirm hin zu seinem kleinen, vierbeinigen Freund, der jetzt schwanzwedelnd auf seinen Hinterbeinen neben ihm stand.

„Alles gut mein Schatz – wir gehen gleich nochmal runter.“

Man sagt zwar, dass Hunde den Menschen nicht verstehen können, aber manchmal hatte Manni das Gefühl, dass sie dafür umso besser aus den Augen und vielleicht sogar aus dem Herzen lesen konnten.

„Hey Herrchen, heute ist Weihnachten und auch wenn du dieses Fest nicht magst, muss ich an diesen Tagen trotzdem ab und zu mal vor die Tür“, so oder so ähnlich waren Bens Worte. Beim Blick in seine treuen, braunen Augen musste Manni unwillkürlich schmunzeln, denn sie waren wirklich unwiderstehlich.

“Na komm, mein Freund”.

Schnell zog er Schuhe und Jacke an und legte Ben sein Geschirr um.

Der Park, der gleich um die Ecke von seiner Wohnung war und in dem er schon als Kind immer gespielt hatte, war menschen- und hundeleer. Klar, dachte Manni bei sich, heute ist Heilig Abend, da sitzen alle mit ihren Lieben unterm Weihnachtsbaum, trinken Kaffee, essen leckere, selbst gebackene Weihnachtsplätzchen und freuen sich auf die Bescherung.

Er musste lange zurückdenken, wann er das letzte Mal Weihnachten so verbracht hatte. Das war Ende der 90er Jahre, also fast 20 Jahre her. Seit dem war er Heilig Abend alleine zu Hause, und erst seit Ben vor 5 Jahren zu ihm gekommen war, hatte er wenigstens ein bisschen Gesellschaft und Ablenkung. Seine Wohnung war überhaupt nicht weihnachtlich geschmückt, warum auch und vor allen Dingen, für wen? Sein Sohn war längst erwachsen und besuchte seinen Vater schon lange nicht mehr, eine Frau gab es auch seit vielen Jahren nicht mehr in seinem Leben und Ben hätte sich zwar sicher über einen Tannen(Baum) in der Wohnung gefreut, aber dafür gibt’s ja schließlich die Spaziergänge.

Ben lief schnüffelnd über die Wiese und hinterließ hier und da seine Duftmarke.

Was solls, eigentlich war es im Park zwar verboten den Hund abzuleinen, aber an Weihnachten wird wohl kaum das Ordnungsamt unterwegs sein, um das zu kontrollieren bzw. gegebenenfalls mit einem Verwarngeld zu ahnden.

„Komm her, mein Schatz!“

Ben reagierte sofort auf das liebevolle Kommando, ganz im Gegensatz zu früheren Zeiten, als Manni noch so manchen kleinen Streit um die Hierarchie in ihrem Minirudel mit ihm ausfechten musste.

Kaum hatte er die beiden Karabinerhaken geöffnet, die die Leine mit dem Geschirr verbanden, rannte Ben auch schon los, geradewegs auf das große Gebüsch zu, in dem er schon so oft nach Kaninchen, Mäusen und Maulwürfen gesucht hatte.

Viel Spaß mein Freund und frohe Weihnachten, dachte Manni bei sich und zündete sich eine Zigarette an.

„Lisa, Liiiiiisa, komm her mein Mädchen“, hörte er plötzlich eine aufgeregte Stimme hinter sich rufen. Als Manni sich umdrehte, sah er eine Frau im Jogging Anzug die Treppe zum Park runter kommen, die jetzt zielstrebig auf ihn zugelaufen kam.

„Haben sie zufällig meinen Hund gesehen?“ keuchte sie und Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Nein, leider nicht, wir sind aber auch gerade erst gekommen“.

„Wir?“

„Ja, Ben und ich“, Manni deutete auf die Leine, die er sich um den Halt gelegt hatte. „Kommen Sie, wir suchen zusammen, mein Hund ist eh mit Buddeln beschäftigt“.

Ein leichtes Schmunzeln legte sich auf ihr Gesicht, das trotz der Verzweiflung und der von Angst geröteten Wangen ausgesprochen hübsch war.

„Das ist sehr lieb von Ihnen, danke schön“

Gemeinsam liefen sie durch den Park und hielten Ausschau nach Lisa, einer 18 Monate jungen Jack Russel Hündin, wie Manni inzwischen erfahren hatte.

Als sie an dem großen Gebüsch vorbei kamen, in dem Ben vor ein paar Minuten verschwunden war, hörte Manni nicht nur das so vertraute Scharren und Schnaufen von Ben, sondern auch ein leises Winseln, das er so gar nicht von ihm kannte.

„Moment mal, da stimmt was nicht, bin gleich zurück …“

Er drückte ein paar Äste auf Seite und verschwand im dichten Gebüsch. Immer tiefer gebückt arbeitete er sich in Richtung der Geräusche vor, die jetzt auch schnell lauter wurden.

hundBen buddelte mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit und schleuderte den Dreck zwischen seinen Hinterbeinen nach hinten. Als er Manni hörte, oder besser gesagt, gewittert hatte, drehte er sich um und blickte ihn mit verzweifelten Augen an.

„Hilf mir Herrchen, ich schaff es alleine nicht.“ Manni konnte den Satz in seinen Augen lesen. Vorsichtig kniete er sich neben das Loch und sah eine kleine Pfote aus dem Lehm ragen. Der schwarze „Knopf“ darüber, aus dem ein ganz leises Pfeifen zu hören war, gehörte sicher auch zu dieser Pfote.

Behutsam befreite er zuerst die Pfote, dann die Nase, die zu einem süßen, knuffigen Hundekopf gehörte, von Sand und Lehm, bis er eine erschöpfte, aber zum Glück noch lebende Lisa aus dem Kaninchenloch ziehen konnte.

Ben wedelte aufgeregt und fröhlich zugleich mit seinem Schwanz und leckte vorsichtig den Schmutz aus ihrem Gesicht und von dem kleinen Körper.

„Komm, mein Freund, da draußen wartet jemand auf die kleine Dame.”

Seite an Seite und komplett verschmutzt krochen sie auf allen Vieren aus dem Gebüsch, wo Lisas Frauchen Manni sofort um den Hals fiel.

„Lisa, meine Lisa, Sie haben sie gerettet! Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, sie ist alles, was mir nach der Trennung von meinem Mann geblieben ist. Zu meinem Bruder habe ich keinen Kontakt, meine Eltern leben als Rentner auf Mallorca und ansonsten kenne ich hier noch niemanden, ich wohne ja noch nicht so lange in Köln …“ Wie ein Wasserfall sprudelten die Worte aus ihr heraus, bis sie kurz inne hielt und Manni in die Augen sah.

„Ent… ent… entschuldigung, das wird Sie alles sicher nicht interessieren, ich bin nur so froh, dass sie Lisa gefunden haben …“

„Psssst, alles gut“, Manni legte den Zeigefinger auf ihre Lippen.

„Erstens: Ich habe Ihre Lisa nicht gerettet, das war mein Ben. Ohne ihn hätten wir sie wahrscheinlich nicht, oder zumindest nicht rechtzeitig gefunden. Zweitens: Wenn es nicht zu unhöflich ist, dann hätte ich als kleine Belohnung jetzt gerne das „Du“ von dir angeboten – ich bin der Manni. Und drittens würde ich jetzt gerne mit Ben nach Hause gehen, duschen und saubere Klamotten anziehen.“

„Natürlich, wie unaufmerksam von mir, bitte entschuldigen Sie …, ich meine, bitte entschuldige. Ich bin übrigens die Claudia. Also dann nochmals vielen, vielen Dank und frohe Weihnachten euch beiden.“

Sie befestigte die Leine an Lisas Halsband, die sich inzwischen schon wieder etwas von dem Schreck erholt hatte und wollte gerade losgehen, als Lisa auf Ben zustürmte und ihm jetzt ihrerseits den Schmutz aus seinem Fell und von der Schnauze leckte.

„Hund müsste man sein, so ein Dankeschön hätte mir auch gefallen“, sagte Manni und schmunzelte frech in Richtung Claudia.

„Na wenn das so ist“. Sie lächelte, als sie auf Manni zuging, ihn in den Arm nahm und ihm mit einem langen Kuss zeigte, dass auch Menschen ihre Dankbarkeit nicht nur mit Worten ausdrücken können.

Frohe Weihnachten!

Manni Schmitz

2 Kommentare zu “Weihnachtliche Rettungsaktion

  1. Karin Zimmermann

    Fröhliche Weihnachten mit Happy-End. Für Mensch und Tier.
    Eine sehr schöne Geschichte. Dankeschön!

  2. Claudia Meier

    Sehr schön geschrieben , hoffe es kommen noch mehr Geschichten 😘

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