kleine Fichte

Weihnachten im Wald

Weihnachten stand vor der Tür, und wieder einmal hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben, wie denn das Fest gefeiert werden sollte. Die Sonne stand schon tief an diesem 24. Dezember, und bisher war noch nichts geschehen. Bäume gab es zwar genug, aber von Kerzen, Kugeln oder gar Geschenken keine Spur. Nicht einmal liebliche Klänge waren zu hören. Alle standen träge und gelangweilt herum, keiner regte sich.

Doch plötzlich, das Tageslicht war schon im Schwinden, hob ein leises Säuseln an. Es zupfte und rupfte an den Herumstehenden, wurde stärker, immer stärker, steigerte sich zu einem kräftigen Brausen. Es rüttelte und schüttelte, alles wurde gehörig durcheinander gewirbelt. Hui, wie da plötzlich Leben in die Bude kam!

Zuerst hörte man nur ein zartes Wispern, sah ein paar Schatten. Doch allmählich wurden die Stimmen lauter und lauter, die Bewegungen hektischer. Jetzt ging es zu wie bei der Jahresversammlung vom Gesangsverein. War das ein Getratsche und Geklatsche, war das ein Drehen und Wenden, ein jeder wollte sich bemerkbar machen. Ein scharfer Pfiff brachte erst einmal Ruhe ins Getöse.

Weihnachten, jedes Jahr das Gleiche. Na und? Aber es ist doch nur einmal im Jahr Weihnachten, das muss doch gefeiert werden! Wozu der Aufstand? Kommt doch eh’ keiner. Dann ist es halt für uns, ganz allein für uns. Na das lohnt doch die Arbeit nicht, nachher heißt es wieder nur, nichts gewesen außer Spesen. Aber es weihnachtet nun einmal – sagt doch auch Knecht Ruprecht.

Der letzte Einwand fand Gehör. Knecht Ruprecht, der von drauß’ vom Walde kommt, kann doch keine Märchen erzählen! Auf der Stelle waren alle eifrig bei der Sache. Lasst uns ganz schnell dafür sorgen, dass es weihnachtet, im Wald. Jeder muss etwas geben!

“Ich breite eine samtige Decke auf dem Boden aus”, sagte das Moos, das nach dem letzten Regen kräftig gewachsen war.

“Wir sorgen fürs Muster darauf”, riefen die Pilze und sprossen im Kreis aus dem Boden.

“Von mir bekommt ihr rote Kugeln”, meinte die Wildrose, an deren Zweigen noch viele schöne Hagebutten leuchteten.
Ich spendiere Girlanden – eiferte die Brombeere mit ihren langen Ranken.

“Da habt ihr Zapfen” … ließ die große Fichte wissen, schüttelte ihre mähnenartigen Äste, und herab purzelten ihre Schätze.

“Goldenen Flitter, den hab ich genug!” Die Lärche ließ den Wind ganze Wolken von güldenen Nadeln aus ihrer Krone wehen.

Feinstes Gespinst wie Lametta, das wollte das Weidenröschen aus seinen Früchten geben. Rotgoldene Blätter, geflügelte Nüsschen, polierte Eicheln – das lieferten Buche, Ahorn und Eiche dazu.

“Und ich setz’ was Grünes darauf”, hörte man vom kleinen Sauerklee, der sich reckte und streckte, um nur ja noch ein Blättchen zu spenden.

“Kerzen, noch Kerzen!” schallte es von den Gräsern, deren Ähren in den letzten Sonnenstrahlen aufleuchteten.

“Wir lassen es duften!” Mit diesen Worten versprühten Tanne und Douglasie ihr Aroma.

“Und ich, was soll ich geben?”, flüsterte die kleine Fichte mitten auf der Lichtung. Fast tropften ihr Tränen von den Nädelchen. “Ich hab’ doch nichts, ich brauch doch meine Zweiglein selber. Erst gestern haben die Rehe mir was weggebissen. Aber ich will doch auch, dass es weihnachtet!”

“Du brauchst nichts geben”, meinten die großen Bäume ums Fichtenbäumchen. “Du bekommst all unsere Gaben und trägst sie – zu Ehren der Weihnacht.”

Hei, wie da die kleine Fichte zu strahlen begann. Aufgeputzt mit allen Kostbarkeiten, die der Wald zu bieten hatte, war es das schönste Weihnachtsbäumchen auf Erden. Die Mutter des Waldes, die Buche, ließ noch ein kleines Sternchen auf die Spitze der kleinen Fichte fallen.

Die Nacht war gekommen. Feierlich wogten die großen Bäume rund ums kleine Fichtenbäumchen, neigten sich die Sträucher, flatterten die Grashalme. Der Wind spielte eine melodische Weise, der Mond versilberte die Stimmung. Allüberall auf den Tannenspitzen glitzerten goldene Lichtlein, die Sterne. Weihnacht im Wald. Und droben aus dem Himmelstor …

Und woher ich das alles weiß? Na, an Heiligabend kann man den Wald erzählen hören. Und wenn man mit dem Herzen schaut, sieht man sogar, wie der Wald Weihnacht feiert.

Karin Greiner

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