Vergessene Weihnachten

Kann man Weihnachten vergessen? Eigentlich nicht. Die Werbung dafür beginnt direkt nach den Sommerferien. Obwohl die Temperaturen noch locker 30 Grad erreichen, liegen bereits Lebkuchen und Weihnachtsplätzchen in den Supermarktregalen.

Ab Oktober ist alles, egal wohin man geht, weihnachtlich geschmückt, und je näher der November rückt, desto öfter hört man die erste Weihnachtsmusik dudeln. Es scheint also nahezu unmöglich, Weihnachten zu vergessen – und doch passierte es Svenja.

Vier Wochen vor Weihnachten überrollte eine Grippewelle die Stadt. Auch an Svenjas Arbeitsplatz fiel ein Kollege nach dem anderen aus. Zum Schluss waren sie nur noch zu dritt: der Chef, eine Kollegin und sie. Svenja arbeitete in einer Eventagentur. Zur Weihnachtszeit hatten sie nicht nur verkleidete Weihnachtsmänner oder Engel im Angebot, sondern besorgten für Menschen mit wenig Zeit auch die Geschenke, hübsch verpackt und ins Haus geliefert. Viele bestellten auch noch Weihnachts- und Tischdeko oder einen Cateringservice für das Weihnachtsmenü.

Svenja machte es großen Spaß, das alles zu organisieren, doch wochenlang von morgens bis abends unter Zeitdruck zu arbeiten, bedeutete auch Stress, und vieles blieb dabei auf der Strecke.

„So, das war das letzte Paket für heute“, seufzte Svenja.

„Danke, Svenja, das hast du wieder hübsch verpackt“, lobte ihr Chef. „Ich fahre das Paket jetzt zum Kunden, und dann ist endlich Weihnachten – auch für uns.“

Svenja zuckte zusammen. „Ach du liebe Zeit, heute ist ja schon der dreiundzwanzigste“, stöhnte sie, „und ich habe noch keine Geschenke für meine Eltern. Das werde ich gleich morgen früh erledigen.“

„Daraus wird wohl nichts“, erwiderte der Chef. “Morgen ist Sonntag. Und seit einer halben Stunde haben die Läden geschlossen.“

Das war Svenja noch nie passiert! Gerade bei den Geschenken für ihre Eltern machte sie sich immer viele Gedanken, und überlegte genau, womit sie ihnen eine Freude machen konnte.

„Notfalls Tankstelle. Da gibt’s Blumen für Mutter und Wein für Vater“, sagte der Chef augenzwinkernd, nahm das weihnachtlich verpackte Paket unter den Arm und verließ das Büro. „Frohe Weihnachten!“ rief er ihr noch zu.

Betrübt ging Svenja nach Hause. Sie hatte kein einziges Geschenk für ihre Eltern, ihr war nach Weinen zumute. Sie war müde und fühlte sich ausgelaugt von der anstrengenden Arbeit der letzten Wochen.

Als sie schwerfällig die Treppen zu ihrer kleinen Dachgeschosswohnung hochstieg, begegnete ihr Frau Horn, ihre achtzigjährige Nachbarin.

„Haben Sie endlich Feierabend, Sie fleißiges Bienchen?“, fragte die zierliche kleine Dame.

Svenja nickte. „Ja“, sagte sie, “Gott sei Dank!”

„Sie sehen aber nicht aus, als würden Sie sich über Weihnachten freuen“, stellte die betagte Nachbarin fest. „Fahren Sie morgen nicht nach Hause?“

„Ja“, antwortete Svenja leise und und sehnte sich nach ihrem Bett.

„Da werden sich Ihre Eltern aber freuen“, meinte die Nachbarin und lächelte.

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte Svenja. „Mein Problem ist nämlich, dass ich vor lauter Arbeit vergessen habe, Geschenke zu besorgen. Und jetzt sind alle Läden geschlossen“. Eine Träne kullerte über ihr Gesicht, und Svenja wischte sie hastig mit dem Handrücken weg.

„Das ist doch nicht schlimm“, sagte die alte Dame. „Am meisten freut man sich doch über den Besuch lieber Menschen und gar nicht so sehr über die Geschenke.“

„Vielleicht haben Sie recht, aber mit leeren Händen möchte ich trotzdem nicht bei meinen Eltern auftauchen“, seufzte Svenja.

„Ich habe da eine Idee!“ Frau Horn strahlte. „Kommen Sie mit in meine Wohnung, dort besprechen wir alles.“

Svenja war zu erschöpft, um die Einladung abzulehnen. Sie folgte Frau Horn ließ sich auf deren Küchenbank nieder. sie war zum ersten Mal bei ihrer Nachbarin, ihr Blick schweifte umher. Was für eine hübsche Wohnküche, so viele liebevolle Details, sie fühlte sich sofort wohl.

„Zuerst brauchen Sie etwas zur Kräftigung“, sagte Frau Horn. Sie schmierte ein paar Brote und kochte Tee. Svenja aß mit großem Appetit, trank Tee und fühlte sich gleich besser.

„Was haben Sie denn für eine Idee?“, fragte sie kauend und neugierig.

„Wissen Sie … ich habe ganz viele Zutaten für Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen gekauft”, sagte Frau Horn.”Jeden Tag nehme ich mir vor, mit dem Backen zu beginnen… aber für wen?“

„Plätzchen backen?“, fragte Svenja und überlegte. Ob sich ihre Eltern darüber freuen würden?

„Richtig. Und zwar nach Rezepten meiner Großmutter und Urgroßmutter. Sie können ja rechnen, dann wissen Sie etwa, wie alt diese Plätzchenrezepte sind“, die alte Dame überreichte Svenja ein zerfleddertes Heft.

„Oh … das scheinen wirklich sehr Rezepte zu sein“, staunte Svenja, „ich kann die Schrift gar nicht entziffern.“

„Das ist altdeutsch. So hat man früher geschrieben. Schauen Sie, hier habe ich ein Buch mit leeren Seiten.“ Sie drückte ihrem Besuch ein edles Buch in die Hände. Der Umschlag war mit dunkelblauem Leinen überzogen, auf der Vorderseite unten rechts war ein goldener Kochlöffel abgebildet.

„Mein Plan war, die Rezepte meiner Vorfahren in dieses Buch zu übertragen, aber mit meinen zittrigen Händen wurde das nichts mehr. Ich schenke Ihnen dieses Buch und Sie notieren darin die Köstlichkeiten, die wir heute gemeinsam backen werden.“

„Was für eine wunderbare Idee!“ Svenja strahlte. „Das ist bestimmt nach Mamas Geschmack. Sie liebt persönliche Geschenke!“

Die Frauen begannen zu backen. Sie kneteten Teig und rollten und stachen ihn aus. Dafür benutzten sie sehr alte Ausstecherle, wie Frau Horn sie liebevoll nannte, und verzierten ihre Werke mit Nüssen, Mandeln, Marmelade, Puderzucker und bunten Zuckerstreuseln. Nebenbei schrieb Svenja in Schönschrift die Backrezepte in das edle Buch.

Als sie fertig waren, wurde es bereits hell.

„Liebe Frau Horn, ich kann Ihnen gar nicht genug danken für das, was Sie für mich getan haben“, wiederholte Svenja immer wieder.„Sie müssen doch sehr müde sein“, sagte sie und gähnte selbst herzhaft.

„Glauben Sie mir, liebe Svenja. Es hat mir sehr viel Freude bereitet.“

Frau Horn holte eine große Keksdose aus dem Schrank, und gemeinsam füllten die Frauen die Dose mit den einzelnen Plätzchensorten. Zum Schluss band Svenja eine breite rote Schleife darum herum.

„Hier“, Frau Horn lächelte verschmitzt und überreichte Svenja eines der antiken Ausstecherle. „Hängen Sie das noch mit dran. Ihre Mutter kennt so was bestimmt aus ihrer Kindheit.“

„Und dann habe ich noch eine Flasche Cognac für den Herrn Papa“, sagte Frau Horn und stellte eine Flasche auf den Tisch. „Der ist schon sehr alt, aber in diesem Fall schadet das ja nicht“, scherzte sie und überreichte Svenja zwei Bogen Geschenkpapier. Der eine sei für die Flasche gedacht, meinte sie, und der andere für das selbst geschriebene Rezeptbuch.

„Sie sind ein Schatz, liebe Frau Horn“, sagte Svenja und umarmte die Nachbarin. „Mit wem feiern Sie eigentlich Weihnachten?“, fragte sie dann.

„Ach, ich feiere schon lange kein Weihnachten mehr. Mein Mann ist vor 20 Jahren verstorben. Leider haben wir keine Kinder … eine Tochter wie Sie hätte ich mir von Herzen gewünscht“, sagte sie und Tränen stiegen ihr in die Augen.

Svenja überlegte. „Möchten Sie mit zu meinen Eltern kommen?“

„Nein, das ist sehr lieb von Ihnen, Kindchen. Aber ich brauche jetzt wirklich eine Mütze voll Schlaf. Frohe Weihnachten liebe Svenja. Es war mir eine Ehre, mit Ihnen die Nacht durchzubacken.“ Sie lachte und begleitete Svenja zur Wohnungstür.

„Frohe Weihnachten, liebste aller Nachbarinnen!“, rief ihr Svenja zu und stieg mit der Cognacflasche winkend die Treppe hoch.

Nach ein paar Stunden Schlaf fuhr sie bestens gelaunt und voller Vorfreude zu ihren Eltern.

Die Bescherung war wunderschön.

„Kind, dass du dir so viel Zeit genommen hast … die vielen Plätzchensorten … und dann noch die wunderbaren Rezepte in einem Buch für mich verewigt – das werde ich dir nie vergessen“, sagte die zu Tränen gerührte Mutter. „Und das Ausstecherle erinnert mich an Oma. So ein Herzchen hat sie auch immer benutzt, und ich durfte ihr beim Ausstechen zuschauen. Manchmal durfte ich auch selbst Plätzchen damit ausstechen.“ Svenjas Mutter schwelgte in Erinnerungen und lächelte verträumt.

„Noch nie hat mir jemand so ein köstliches Tröpfchen geschenkt“, sagte der Vater. „Ein über 40 Jahre alter Cognac … du kannst wohl Gedanken lesen.“

Alle waren glücklich. Mutter. Vater. Svenja.

Dann erzählte Swenja erzählte, wie sie zu den Geschenken gekommen war.

„Frau Horn ist bestimmt eine liebenswerte Frau“, sagte Svenjas Mutter. „Sie weiß, dass nicht das teuerste Geschenk die Menschen erfreut, sondern das kleine, unscheinbare – das von Herzen kommt.“

Und Frau Horn? Die saß an Heilig Abend in ihrer festlich geschmückten kleinen Wohnstube und war in Gedanken bei Svenja und ihren Eltern. Auch wenn sie alleine feierte, war dies eines der schönsten Weihnachtsfeste, das sie in den letzten Jahren erlebt hatte. Ihr Weihnachten hatte einfach paar Stunden früher stattgefunden – als sie mit Svenja die Nacht durchgebacken und dabei viel gelacht und erzählt hatte.

Zeit und Aufmerksamkeit – das sind die schönsten und kostbarsten Geschenke, die man einem anderen Menschen machen kann.

Karin Zimmermann

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