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Weihnachten – anders als sonst

Alle redeten nur noch über Weihnachten. In der Schule. Daheim. Sogar im Radio und Fernsehen. Die älteren Geschwister flüsterten geheimnisvoll miteinander. Papa brachte nach der Arbeit oft Taschen mit nach Hause, die er gleich versteckte.

Warum freuten sich alle auf Weihnachten? Lisa verstand es nicht. Natürlich mochte auch sie Weihnachten. Die vielen Geschenke, das gute Essen und das Miteinandersein. Aber genau das war der wunde Punkt: das Miteinandersein. Dieses Jahr würde Weihnachten anders sein. Ganz anders als in den Jahren zuvor. Es würde jemand fehlen. Ganz arg fehlen. Lisas Mama war im Frühjahr gestorben. Für Lisa war es sehr schwer zu verstehen, dass sie nicht unter ihnen war. Lisa war erst 6 Jahre alt.

Lisas Geschwistern fehlte sie auch sehr, aber sie versuchten „zur Tagesordnung zurückzukehren“, was immer das auch bedeuten mochte. Lisa verstand diesen Satz nicht.

Nur noch wenige Tage, dann war Heilig Abend. Früher hatte Lisa es gar nicht erwarten können, dass die Tage endlich vergingen. „Wie oft muss ich noch schlafen?“ hatte sie ihre Mutter jeden Tag mehrfach gefragt.

Dieses Jahr stellte sie niemandem diese Frage. Dieses Jahr wollte Lisa nicht, dass Weihnachten näherrückte. Es soll bleiben, wo es ist, dieses Weihnachten!, dachte sie grimmig. Gleichzeitig wusste sie aber, dass sie es nicht aufhalten konnte.

„Wie oft muss ich noch schlafen?“, flüsterte sie traurig vor sich hin, wenn sie abends zu Bett ging und wieder an das bevorstehende Weihnachtsfest dachte.

„Noch fünf Mal“. Lisa schreckte hoch. „Fürchte dich nicht meine kleine Lisa“, hörte sie eine nur allzu vertraute Stimme.

„Mama?“, fragte Lisa zaghaft.

„Ja, Lisa, ich bin es.“

„Mama, wo bist du?“

„Aber das weißt du doch, liebe Lisa“. Lisa lauschte angestrengt, da ihre Mutter sehr leise sprach. „Ich bin im Himmel, so wie es dir Papa erzählt hat. Was bedrückt dich so sehr meine Kleine?“

„Ach Mama, bald ist Weihnachten und du bist nicht da“, flüsterte Lisa.

„Aber Lisa, bin ich doch bei euch. So wie ich jeden Tag bei euch bin“, hörte sie die tröstenden Worte der Mutter.

„Aber ich kann dich nicht sehen … oder fühlen“, sagte Lisa und Tränen rollten über ihre Wangen.

„Doch, das kannst du. Schließ deine Augen und denk an mich. Siehst du mich?“

Lisa schloss die Augen. „Ja, Mama, ich sehe dich.“

„Und jetzt streiche ich über deine langen blonden Haare. Spürst du mich?“

Es dauerte eine Weile, dann antwortete Lisa: „Ja, ich spüre dich.“

„Siehst du Kleines, es ist fast alles so wie immer, denn ich bin bei dir. Und jetzt freu dich auf Weihnachten, es wird ein schönes Fest werden. Gute Nacht Lisa. Ich gebe dir noch einen Kuss.“

„Gute Nacht Mama“, sagte Lisa und schlief glückselig ein.

Die nächsten Tage nervte Lisa Geschwister und Papa ständig mit der Frage, wie oft sie noch schlafen müsste bis Heilig Abend. Aber alle waren froh, dass das kleine Mädchen nicht mehr so traurig war wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes.

Dann endlich war es soweit: Heilig Abend. Nach dem Kirchgang gab es Würstchen mit Kartoffelsalat – wie jedes Jahr. Danach öffnete der Vater langsam die Tür zum Wohnzimmer.

Ein besonders großer Tannenbaum stand im Raum und erstrahlte in seiner vollen Schönheit. Rote Kugeln funkelten im Licht des Kerzenscheins, und Strohsterne in verschiedenen Größen gaben dem Baum etwas Vertrautes. Denn die Sterne hatten die Kinder im vergangenen Jahr zusammen mit der Mama gebastelt.

Die Kinder freuten sich über die vielen Geschenke, und nachdem sie die Päckchen mit großen Augen und freudigen Seufzern ausgepackt hatten, räumte der Vater das Geschenkpapier weg – und stutzte. „Da ist ja noch ein Geschenk“, sagte er und hob eine Papierrolle hoch.

„Das ist für Mama“, sagte Lisa stolz.

Vaters Blick wurde sehr traurig. „Das ist lieb, dass du an Mama gedacht hast“, sagte er gerührt.

„Natürlich habe ich an sie gedacht. Sie ist doch immer bei uns“, sagte Lisa. „Ob sie sich über mein Geschenk freut?“, fragte sie besorgt.

„Bestimmt freut sie sich“, sagte der Vater und rollte vorsichtig das Papier auseinander. Zum Vorschein kam eine Zeichnung, auf der eine Großfamilie zu erkennen war: Mama, Papa, Lisa und ihre Geschwister. Alle hielten sich an den Händen.

„Wunderschön!“, sagte der Vater.

„Ja, das hast du wirklich toll gemalt“, versicherten auch die Geschwister.

„Das Bild hängen wir auf, damit wir uns immer erinnern, dass wir alle zusammengehören“, sagte der Vater, und die Geschwister nickten zustimmend.

Lisa war mächtig stolz.

„Danke, meine kleine Lisa“, hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter in ihrem Ohr. „So ein schönes Weihnachtsgeschenk habe ich noch nie bekommen.“

Lisa strahlte glücklich, denn sie hatte verstanden: Weihnachten ist jetzt anders als früher. Doch das Geheimnis ist, dass alle Menschen, die man im Herzen trägt, immer dabei sind. Auch wenn wir sie nicht sehen können. Oder fühlen. Oder hören …

Karin Zimmermann

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