feuerstelle

Die längste Nacht des Jahres

„Mann, ist das dunkel!“

Daro schloss die Tür des Langhauses. Heute war die längste Nacht des Jahres, und er musste raus. Die wilden Tiere nahmen keine Rücksicht und irgendjemand musste das Vieh auf den Weiden beschützen. In den letzten Jahren hatte der alte Helgo in dieser Nacht die Tiere gehütet. Daro und die anderen jungen Männer hatten sich immer darüber gewundert, wieso er nicht im Langhaus bleiben wollte, wo in dieser Nacht jedes Jahr gefeiert wurde.

Und dieses Mal war Daro dran. Er zog seinen wollenen Umhang zurecht und ging los. Das Langhaus, in dem die Sippe feierte, lag bald hinter ihm. Er ging an den Weiden entlang, die durch niedrige Zäune aus Zweigen geschützt waren. Sein Ziel war der Hügel am Waldrand. Dort war auch der alte Unterstand, wo er diese Nacht verbringen würde. In den letzten Tagen hatte er das Dach aus Laubzweigen geflickt und Feuerholz hingebracht. Daro fand den Weg zwar auch im Dunkeln, doch hatte er eine Fackel aus dem Langhaus mitgenommen. Der Boden war nicht gefroren, und seine Bastschuhe fanden festen Halt. Er befürchtete nicht, kalte Füße zu bekommen, denn er trug wollene Fußlappen, die auch im Winter schön wärmten. Er horchte beim Gehen in die Stille hinein, aber nichts regte sich. Die Alten sagten zwar, dass in dieser Nacht alles ruhte, aber er wollte das nicht so recht glauben. Er ging weiter und schaute ins Dunkel, doch auch da war nichts zu sehen.

Das war ja merkwürdig. Glaubten denn nicht alle, die schon lange Hosen trugen, dass die alten Männer die wilde Jagd spielten? Nur die Jungen, die nur im Winter lange Hosen trugen, glaubten daran, dass Wesen aus der anderen Welt kamen. Natürlich gab es die, davon war Daro fest überzeugt. Immerhin hatte er schon mit dem Schamanen eine Geistreise dorthin unternommen. Doch dass jemand aus dieser Welt kam, um die Taten des Jahres aufzurechnen, war nun eher etwas, um kleine Kinder zu erschrecken. Natürlich wurde das nicht offiziell rumerzählt, aber wenn die Jungen alleine waren, waren sie sich darüber einig. Sie rätselten dann auch, wer die drei spielte. Doch waren die so gut verkleidet, dass man die Menschen hinter dem Woden, der Frau Holle und dem Knecht Ruprecht nicht erkennen konnte.

Daro war inzwischen am Unterstand angekommen, der aus Ästen bestand, die in die Erde getrieben waren und über denen weitere Äste lag. Eine Reihe Zweige mit Laub und Nadeln bildete dann ein Dach, das Regen und Wind abhielt. Ein kleines Feuer spendete Wärme, so dass die Wache erträglich war. Er entzündete mit der Fackel die Holzscheite, die er in den letzten Tagen vorbereitet hatte. Als die Flammen züngelten, nahm Daro seine Umhängetasche ab und stellte sie auf den Boden. Dann holte er aus ihr ein Stück Schaffell heraus und legte es auf einen Baumstumpf, der den Hütern als Sitzplatz diente. Nun hatte er alles vorbereitet, und die Wache konnte beginnen. Er hörte das Muhen der Kühe, doch das verklang allmählich. Daro lehnte sich an einen Baumstamm und sah den Flammen zu. Doch in dieser Nacht kamen nicht mal die üblichen Besucher, wie die wilden Schweine, und selbst der Fuchs ließ sich nicht blicken.

Daro dachte an Susa. Sie wohnte in der Siedlung eine Stunde weiter. Er hatte bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten, aber der hatte sich noch nicht geäußert. Der alte Laro war eben ein Mann vom alten Schlag, wie man hier sagte. Auch sein eigener Vater brach nichts übers Knie. Daro jedoch war jung und wollte seinen eigenen Hausstand gründen. Wenn es doch nur bald soweit wäre.

Doch diese Gedanken brachten ihn jetzt auch nicht weiter. Um sich zu beschäftigen, hängte er einen Topf über das Feuer und erhitzte Wasser, um einen Eintopf aus getrocknetem Gemüse und Fleisch damit zu kochen. In dem Unterstand befanden sich auch einige Schüsseln und Holzlöffel. Eine Schüssel hätte ja gereicht, aber die Alten bestanden immer auf vier Schüsseln. Wer nach dem Grund dafür fragte, bekam die Antwort, die die Alten am meisten liebten und die Jungen am meisten hassten:

„Das war schon immer so und so wird es auch bleiben.“

Es dauerte ein Weilchen, dann begann es wunderbar zu duften, und Daro lief das Wasser im Mund zusammen. Doch dann meinte er plötzlich ein Blitzen wahrzunehmen. Er war sich allerdings nicht sicher. Hatte er sich vielleicht geirrt? Er sprang auf, und sah vor sich einen Schlitten – von einem kleinen Pferd gezogen. Das konnte doch gar nicht sein, es lag kein Schnee. Plötzlich leuchteten Flammen rötlich auf, und er konnte mehr erkennen. Der Schlitten war beladen, und aus den Decken darauf schälten sich drei Personen. Daro stockte der Atem. Das waren sie! Das war die wilde Jagd, die in dieser Nacht die Häuser besuchte. Er konnte ganz genau den Woden erkennen, der sich auf seinen Stab stützte – seine beiden Raben auf den Schultern. Neben ihm Frau Holle. Aber während der Wode mit seinem einen Auge furchterregend aussah, glich Frau Holle einer netten alten Dame.

„Hast du etwas Heu für uns?“, fragte die dritte Person, die er bisher nur schemenhaft gesehen hatte.
Das war er, keine Frage. Knecht Ruprecht stand leibhaftig vor ihm. Daro war wie erstarrt.

„Verzeih ihm, er ist neu in dieser Nacht.“

Die Worte des Woden holten Daro wieder in die Wirklichkeit zurück, und er lief los, um Heu zu holen.

Als er wiederkam, waren die drei Sagengestalten bereits unterwegs zum Langhaus. Aber das Pony war festgebunden, und Daro legte ihm das Heu vor. Er blieb bei dem Tier und streichelte es.

Dann sah er einen Lichtschein, in dem die drei Gestalten auftauchten. Wen mochte es diesmal getroffen haben? Wer war in diesem Jahr seinen Aufgaben nicht nachgekommen, und hatte die Rute zu spüren bekommen? Und wer hatte die süßen Früchte als Dank dafür erhalten, dass er seine Pflichten immer erfüllt hatte?

Er dachte an die Geschichten, die man über die Drei erzählte. Da war der einäugige Wode, der sein Auge gegeben hatte, um in die Zukunft sehen zu können. Mit seinen Raben durchwanderte er die Welt. Dann war da Frau Holle, die das Wetter machte, und darauf achtgab, dass die Frauen ihre Hausarbeit ordentlich erledigten. Und dann war da noch Knecht Ruprecht. Er wusste über jeden Bescheid, und je nachdem, wie sich jemand verhalten hatte, verteilte er Schläge mit der Rute oder süße Früchte.

Daro sah, wie die Gestalten um die Häuser gingen und die Ställe und Scheunen segneten, indem sie das Segenszeichen an die Türen zeichneten. Dann kamen sie zurück zu ihrem Schlitten. Knecht Ruprecht schleppte den Sack mit den Früchten auf dem Rücken, und am Gürtel hing die Rute. Er trug Hosen und Jacke in Braun, und hatte die Jacke mit einem Strick gegürtet. Sein Gesicht bedeckte ein buschiger Bart. Während Knecht Ruprecht den Sack auf den Schlittel wuchtete, kam der Wode zu Daro.

„Du wirst in diesem Jahr dein eigenes Haus bauen“, sagte er, als er ihm die Hand auf die Schulter legte.

Dann kam Frau Holle zu Daro und überreichte ihm einen Weidenkorb. „Nimm dies für die Gastfreundschaft“, sagte sie.

Daro konnte nicht antworten und stand da wie versteinert. Er sah, wie die drei in den Schlitten stiegen. Dann schnalzte Knecht Ruprecht mit den Zügeln. Es blitzte auf und der Schlitten war verschwunden.

Daro öffnete den Korb und entdeckte darin süßes Brot, Käse und warmes Bier. Da fiel ihm ein, dass er noch den Eintopf hatte. Er lief zum Feuer und blieb davor stehen. Der Topf war vom Feuer genommen worden und leergegessen. Daneben standen drei benutzte Holzschalen mit Löffeln. Daro putzte die Schalen und ließ sich dann das Essen aus dem Korb schmecken. Dann wurde er plötzlich ganz müde. Eine wohlige Wärme umfing ihn und er schlief ein.

Mit dem Sonnenaufgang wachte er auf. Wieso war er eingeschlafen, das war ihm doch noch nie passiert? Dann sah er im Morgenlicht, dass die Siedlung von einem grau schimmernden Zaun geschützt war, der sich mit den Sonnenstrahlen auflöste. Er erinnerte sich an das Erlebnis in der Nacht. Oder war es nur ein Traum? Er stand auf, und reckte sich. Dabei fiel sein Blick auf das Heu, von dem noch einige Halme an der Stelle lagen, wo er das Pony gefüttert hatte. Nun wusste er, dass er nicht geträumt hatte. Er sah sich nach dem Korb um, den Frau Holle ihm gegeben hatte, doch der war verschwunden.

Daro wartete, bis sich das Tor des Langhauses öffnete. Nun sah er die Bewohner herauskommen und zu den Ställen gehen. Daro betrat das warme Haus, wo ihn seine Mutter mit einem ausgiebigen Frühstück erwartete.

„Du hast so ein Glänzen in den Augen, genau wie Helgo“, befand sein Vater, der auf den Weg zu den Ställen war, um die Knechte zu beaufsichtigen.

Nach den rauen Tagen kam Nachricht von Susas Vater und zur Führjahrstagundnachtgleiche heirateten sie. Daro dachte an die Worte des Woden, die nun wahr wurden.

In der nächsten längsten Nacht hatte Daro wieder den Platz des Hüters eingenommen und diesmal schon für Heu und Eintopf gesorgt, um seine späten Gäste zu bewirten.

Andre’ Egelti

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