winterlandschaft

Der Zauber der Weihnacht

In einer Wolkenstadt lebte einmal eine vorwitzige kleine Schneeflocke. Tagsüber spielte sie mit ihren Geschwistern Fangen und Verstecken. Wenn es abends dunkel wurde, kuschelten sich alle Schneeflocken aneinander und schliefen tief und fest bis zum nächsten Morgen.

Jeden Tag gab es ein Kommen und Gehen. Neue kleine Schneeflocken wurden geboren, die älteren verließen die Wolkenstadt und segelten in die Welt hinaus. Die kleine Schneeflocke jedoch war mit ihrem Leben unzufrieden. Sie langweilte sich und fühlte sich als eine unter vielen Namenlosen. Deshalb gab sie sich heimlich einen eigenen Namen: Luise.

Im Laufe der Zeit brach Luise immer öfter mitten im Spiel ab und schlich an den Rand der Wolke, die ihr Zuhause war. Von dort konnte sie wunderbar auf die Erde hinabschauen. Unter ihr lagen Dörfer, Städte und schneebedeckte Wälder. Wenn sie genau hinsah, erkannte sie sogar Menschen, die aus der Ferne wie Punkte aussahen.

Die Zeit verging für Luise nur langsam, sie träumte davon, endlich erwachsen zu sein. Eines Tages aber war es soweit. Ohne, dass sie es bemerkt hatte, war aus Luise eine große, erwachsene Schneeflocke geworden. Ein letztes Mal trat sie mit klopfendem Herzen an den Rand der Wolke. Dort wartete sie ebenso wie unzählige weitere ihrer Geschwister auf den rauen Nordwind, der sie in die Welt hinausbeförderte. Glücklich beobachtete Luise, wie die Dörfer, die Städte und die Wälder unter ihr größer und größer wurden und sie schließlich in einem Vorgarten landete. Neugierig blickte sie sich um. Hier gab es viel zu viele Schneeflocken, sie bedeckten den Rasen, die Bäume und die Hecken, und tagelang passierte nichts. Die Menschen beachteten sie nicht, selbst die Tiere, die des Nachts durch den Garten streiften, ignorierten sie. So blieb Luise nichts übrig, als den langweiligen Gesprächen der anderen Schneeflocken zu lauschen. Alle hofften, dass es lange kalt blieb, denn sollte die Sonne an Kraft gewinnen, würden sie alle dahinschmelzen. Das behagte Luise überhaupt nicht, sie wollte gesehen und nicht vergessen werden. Sie wollte auch nicht vergehen, sondern ewig leben.

Eines Abends, als die ersten Sterne am Himmel über ihr sichtbar wurden, hörte Luise ein leises Klingeln und Klimpern. Sie schaute auf und entdeckte einen mit bunten Glöckchen geschmückten Holzschlitten, der von zwei Rentieren gezogen wurde. Gerade stieg ein bärtiger Mann, gehüllt in einen roten Umhang und mit einem prallen Sack auf dem Rücken, von seinem Gefährt. Er stampfte auf das hell erleuchtete Haus zu und verschwand darin. Die anderen Schneeflocken wussten, wer der nächtliche Besucher war. Sie hatten längst von diesem Mann gehört, der einmal im Jahr auf die Erde kam und die Wünsche der Menschen erfüllte. Nikolaus wurde er genannt.

Nachdem der Nikolaus wieder aus dem Haus kam, nahm Luise all ihren Mut zusammen und sprang auf einen seiner Stiefel. Der Nikolaus bemerkte nicht, dass er einen blinden Passagier dabei hatte, und erhob sich mit dem Schlitten in die Lüfte, um wieder heimzufliegen.

Es war eine lange und ermüdende Reise.

„Nikolaus hörst du mich? Ich habe nur einen einzigen Wunsch!“, rief Luise, doch ihr Stimmchen ging im Brausen des Fahrtwinds unter.

Als sie die aus purem Eis erbaute Himmelstadt erreichten, hatte die Schneeflocke bereits resigniert und hing erschöpft am Schnürsenkel des Stiefels. Ihr strahlendes Weiß war verblasst und ihr Glitzern hatte sie unterwegs verloren. Dicke Tränen, die auf dem Weg zum Boden gefroren, kullerten wie Perlen über den Stiefel hinab.
Der Nikolaus hörte das leise Blingbling und entdeckte die arme Schneeflocke. Vorsichtig nahm er sie hoch und hielt sie sich dicht vor sein Gesicht. „Wo kommst du denn her?“, fragte er überrascht. Luise erzählte ihm im Flüsterton von ihrem sehnlichsten Wunsch. Der Nikolaus hörte aufmerksam zu, nickte bedächtig und trug sie anschließend in seine Werkstatt.

Dort war es ebenso so kalt wie draußen – wie die Schneeflocke mit Erleichterung feststellte. Um sie herum herrschte geschäftiges Treiben. Kobolde in bunter Kleidung hasteten von hier nach dort. Manche trugen Pakete davon, andere bemalten Spielzeug. Der Nikolaus ging mit Luise an einem der hinteren Tische, dort wartete ein kleiner Kobold. Leise sprachen die beiden miteinander, dann übernahm der Zwerg Luise und zwinkerte ihr zu.

In der kommenden Nacht begab sich der Nikolaus erneut auf die Reise, um weitere Menschenkinder zu beschenken. Mit im Gepäck hatte er eine Schneeflocke namens Luise.

Nachdem er am frühen Morgen das letzte Menschenhaus verlassen hatte, klatschte er zufrieden in die Hände. „Nun sind alle Wünsche für dieses Jahr erfüllt.“

Am Abend freute sich ein Kind ganz besonders. Es liebte den Winter und hatte deshalb nur einen Wunsch an den Nikolaus gehabt: eine Schneekugel. Das Kind öffnete ein kleines Päckchen, und darin befand sich tatsächlich das gewünschte Geschenk. Im runden Glas spiegelte sich das Licht der Kerzen und beleuchtete das winzige Dorf, in dessen Mitte ein Abbild des Nikolaus stand. Auf seinem ausgestreckten Finger saß eine glitzernde kleine Schneeflocke, die, wenn man die Schneekugel leicht schüttelte, durch das Dorf stob und mit einem Überschlag wieder auf dem Finger des Nikolaus’ landete.

Diese Schneekugel bekam einen Ehrenplatz auf dem Kaminsim. Im Laufe der Jahre ließen viele Kinder die Schneeflocke namens Luise am Weihnachtsabend durch ihr winziges Dorf wirbeln. Und sobald ein Kind Luise näher betrachtete, konnte es erkennen, dass die kleine Schneeflocke glücklich lächelte.

Christa Kuczinski

1 Kommentar zu “Der Zauber der Weihnacht

  1. Karin Zimmermann

    Was für eine bezaubernde Geschichte! Wenn es das nächste Mal schneit, werde ich bestimmt an Luise denken.

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