weihnachtsschmuck

Das Weihnachtsgeschenk

Der Winter hat Einzug gehalten. Wir saßen in der warmen Stube und sahen den tanzenden Schneeflocken zu. Im Nu waren die Straßen mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Schon war der erste Schneepflug zu hören.

Nur wenige Leute kämpften sich durch den dichten Flockenwirbel, den Jackenkragen hochgeklappt, den Kopf gesenkt. An der Kleidung hatte sich bereits der Schnee festgesetzt und manche sahen wie wandelnde Schneemänner aus.

Es waren nur diejenigen unterwegs, die noch schnell etwas erledigen oder einen letzten Einkauf vor dem Adventssonntag tätigen mussten. Andere kamen von der Arbeit, Nase und Ohren rot von der Kälte.

Wir setzten uns auf das Sofa, hatten einen Karton rausgekramt. Hinten aus der Ecke des Schrankes, wo er nicht störte. Erlöst von seiner Einsamkeit wurde der Karton jedes Jahr vor Weihnachten, denn diese Prozedur gehörte bei uns zum Fest wie der Braten am 1. Feiertag. In dem Karton befanden sich alte Fotos und Erinnerungen meiner Eltern, fein säuberlich von meinem Vati in alte Briefumschläge mit Hinweisen zum Inhalt beschriftet. Erinnerungen an Ereignisse aus acht Jahrzehnten unserer Familie. Von den Jüngeren meist unbeachtet, oft auch als unnützer Ballast bezeichnet, kann man doch nichts auf den iPpad hin- und herschieben, nur in Schwarz-weiß, abgegriffen, oft unscharf. Verachtet, weil aus einer vergessenen Zeit, in die man sich nicht hineinversetzen kann und will. Doch für uns, an der Schwelle ins achte Jahrzehnt, ein Schatz an Erinnerungen, an eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit, an unvergessene Stunden der Freude und auch Sorgen in der Familie. Dazwischen alte Weihnachtskarten mit Grüßen der Verwandten zum Fest.

Ilona hat schon einige Umschläge geöffnet – aus jüngerer Zeit, Erlebnisse mit den Eltern und unserem Sohn Michael. Gemeinsame Feiern, Schnappschüsse beim Baden, Wandern und Spielen. Aber auch beim Suchen der versteckten Ostereier und beim Auspacken der Geschenke, die der Weihnachtsmann unter dem Weihnachtsbaum abgelegt hatte. Auch damals schaffte der Weihnachtsmann es schon nicht, alle Kinder zu besuchen, wenn sie zu Hause waren. Die Eltern ließen die Tür auf, und er brachte die Geschenke, als die Familie mit uns Kindern zum Krippenspiel waren.

Plötzlich schob Ilona mir einige Bilder zu – klein, 6×6-Format, darauf ich mit Steckenpferd, mit Omi und Opa oder dem mit von mir so geliebten Hühnerhof mit den Kaninchenställen. Aber auch mit Mutti und Vati in Gerichshain, einem kleinen Dorf bei Leipzig, immer schmuck angezogen.Die Kleidung war oft aus Wollresten gestrickt, denn es gab wenig zu kaufen. Und wenn es etwas gab, hatte man nicht das Geld oder etwas zum Tauschen. In einer schweren Zeit waren wir aufgewachsen. Behutsam, fast ein wenig ehrfürchtig nahm ich die Zeugnisse meiner Kindheit in die Hände. Ich versuchte mich zu erinnern, an die Zeit als kleiner Junge, noch nicht in der Schule, wenige Jahre nach dem verheerenden Krieg.

Ein Bild nach dem anderen weckte neue Erinnerungen. Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf, erzählte Ilona aus diesen schönen Tagen der Kindheit, trotz Mangel an allem, was heute zum Leben gehört. Dabei fiel mir ein unvergessliches Weihnachtsfest ein. Mein Vati war noch keine zwei Jahre aus der Gefangenschaft in Frankreich heimgekehrt. Abgehauen, wie man früher sagte. Er erzählte oft von seiner abenteuerlichen Flucht aus dem französischen Lager, quer durch Deutschland, fast alles zu Fuß, hin zu seiner Heimat. Das wichtigste, was er hatte, seinen Ausweis und ein kleines Foto von seiner Frau und mir, hatte er im Stiefel unter der Fußsohle versteckt. Das erzählte er immer wieder.

Alles haben wir bis heute aufgehoben.

Die kleine Familie fand sich damals zusammen. Mich, seinen Sohn, kannte er kaum. Er erinnerte sich aber noch im hohen Alter an den Tag der Heimkehr, als ich ihn, einen mir unbekannten Mann, bedeckt mit Straßenstaub und verschwitzter Kleidung und gezeichnet von der Flucht, mit einem selbstgepflückten Strauß Hundeblumen (Löwenzahnblüten) begrüßte.

Schüchtern, nur langsam auf ihn zu gehend, überreichte ich ihm diese. Ich staunte über die Freude meiner Mutti.

Es war der Anfang eines neuen Lebens. Ein kleine Dachkammerwohnung in einer Villa, bereitgestellt von dem Bauunternehmer Koch, den mein Vati aus seiner Zeit als Torwart im örtlichen Fußballverein kannte, wurde unser erstes Zuhause.

Der Anfang war schwer. Das Ersparte war der Währungsreform zum Opfer gefallen, doch der Lebensmut war ungebrochen.

Mein Vati fand eine Arbeit in seinem Beruf in der Optima Leipzig-Paunsdorf. Von Woche zu Woche, Monat zu Monat normalisierte sich das Familienleben, begünstigt durch die Hilfen meiner Großeltern, der Freunde und Nachbarn mit den notwendigsten Haushaltsgegenständen. Damit es im Winter ein wenig warm in der Wohnung wurde, rodete man in der wenige Kilometer entfernten Trese, einem Wald, die großen Wurzelstöcke mit riesigen Keilen und scharfen Äxten. Der geliehene Handwagen diente als Transportmittel – für mich ein Abenteuer, wenn ich einmal mit in den Wald durfte. Meist geschah dies, wenn Mutti den Männern etwas zu Essen brachte. Für mich war es ein kleines Abenteuer.

Kommen wir zurück zu dem Weihnachtsfest. Ich glaube, es war 1946. Die Feier fand wie immer bei den Großeltern im großen Wohnzimmer statt.

Hier versammelte sich die Familie, seit ich denken konnte – Tanten, Onkel und mein Spielkamerad Jürgen, ein Cousin, der als „fünftes“ Kind von Omi und Opa erzogen wurde. Schon Wochen vorher gab es geheimnisvolle Neugier, kleine Wünsche wurden geäußert – ein kleines Holzpferd, eine Indianerfigur, ein Bilderbuch.

An den Tagen vor dem Fest stieg die Spannung, der verführische Geruch von Backwerk zog durch das Haus. Herrlich die Zeit, wenn Omi uns einlud, beim Plätzchenbacken zu helfen, was meist uns Gelegenheit zum Naschen bot. Doch am Schönsten war es, wenn Jürgen und ich mit Opa Karten spielten oder am Fenster in der Stube saßen.

Egal, ob Schnee war oder nicht, im Futterhaus gegenüber dem Fenster wurde vor Weihnachten gefüttert – sozusagen Adventszeit für die Vögel. Opa erklärte uns, welche Vögel sich gerade im Haus befanden, welcher Futtergast ein zänkischer und missgünstiger Artgenosse war, welcher Singvogel nur ab und zu als Gast die Futterstelle besuchte. Wir drückten uns die Nasen am Fenster platt, hingen mit den Augen an den Lippen unseres Opas Oswald, die der Oberlippenbart zierte. Opa war stolz darauf, hatte er ihn doch schon als Soldat beim Kaiser. Wir lauschten gern seinen Erzählungen, über seine Arbeit bei der Reichsbahn, wo er als Stellmacher auch die zerschlissenen Holzbänke der Personenwagen reparierte. Ein großes Bild neben dem dunklen Wohnzimmerschrank, auf dem man ihn mit seiner Paradeuniform sah, erinnerte an diese Zeit in der Garde des Kaisers.

Bratapfelduft gehörte eigentlich immer zur Adventszeit. Ein großer Kachelofen, der ein mit einer gußeisernen Tür verschließbares „Fach“ enthielt, eignete sich hervorragend für das Zubereiten schmackhafter, duftender Bratäpfel.

Heiligabend rückte immer näher. Spürbar geheimnisvoller verhielten sich die Erwachsenen. Wir Kinder durften nicht mehr alle Räume betreten. Trotzdem streifte ich mit Jürgen durch alle Ecken, guckten auch einmal in die Schränke, um nach verborgenen Geschenken zu schauen. Hatte man uns doch erzählt, dass das Christkind oder der Weihnachtsmann diese bringt und unter den Weihnachtsbaum legt.

Die Erwachsenen tuschelten in der Küche miteinander. Die Festvorbereitung neigte sich dem Ende zu. Bei uns Kindern wuchs die Ungeduld und Neugier. Opa zog seine schweren großen Filzstiefel an, ging in das nahe Wäldchen. Dort stand die schon im Herbst bei Spaziergängen ausgesuchte Fichte. Den frisch geschlagenen Weihnachtsbaum, nach Harz und Fichtennadel riechendend, deponierte er die wenigen Tage in seiner Stellmacherwerkstatt. Jetzt war das Fest ganz nah.

Erst am Heiligabend wurde der Baum hinter verschlossener Tür geschmückt. Mit dem alten Baumschmuck, den man sich nach Einzug in das neue Haus vor zwanzig Jahren (um 1935) nach und nach kaufte – silberne und angemalte Vögel, Glöckchen, kleine Kugeln und viel Lametta. Nur Opa durfte die Christbaumspitze mit kleinen Glöckchen dem Karton entnehmen und als letzte Handlung auf den Weihnachtsbaum befestigen.

In dem mir in guter Erinnerung gebliebenen Jahr verlief alles etwas anders als gewohnt. Wie immer traf sich die Familie, festlich gekleidet, am späten Nachmittag in der Kirche zum Festgottesdienst, natürlich mit uns Kindern. Nur mein Vati war nicht dabei, musste er doch in der Fabrik arbeiten und sollte zur Bescherung nach der Arbeit gleich zu Omi und Opa kommen.

Voller Neugier und gespannt darauf, was der Weihnachtsmann während unseres Kirchganges unter dem Weihnachtsbaum abgelegt hat, gingen wir zum Haus der Großeltern. Dort angekommen, mussten wir mit zunehmender Ungeduld in der Küche oder bei Tante Erna, die in der oberen Etage wohnte, warten. Nach Ankunft meines Vatis, gegen 17.30 Uhr, sollte die Bescherung sein. Die Zeit rückte näher, unsere Erwartung und Ungeduld wurde immer größer, doch mein Vati kam nicht. Mutti wurde immer aufgeregter, man schaute immer wieder nach draußen, ob er zu sehen war. Man kannte die Ankunftszeiten der Züge aus Richtung Leipzig – doch alle kamen ohne meinen Vati. Die kritischen Äußerungen nahmen zu. Mutti wurde immer nervöser, Jürgen und ich quengelten, wollten doch die Geschenke sehen und spielen.

Nach einer Stunde entschied meine Omi, dass die Wartezeit beendet ist und nicht länger gewartet wird. Meine Mutti war traurig, war es doch unser erstes Weihnachtsfest, was wir gemeinsam als Familie verbringen konnten. Erste Tränen flossen. Alle versuchten, sie zu trösten.

Opa öffnete die Stubentür und wir beiden Jungen stürmten ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum strahlte mit dem Schmuck und den wenigen brennenden, flackernden Kerzen. Der Duft einer Räucherkerze erfüllte den Raum. Wir blieben zunächst stehen, und sahen staunend auf den Baum. Doch dieses Staunen hielt nicht lange an, denn die Geschenke mußten begutachtet werden. Mein Kaufmannsladen, ein Geschenk vom letzten Jahr, den hatte damals Opa von Nachbarn erhalten und mit meinem Vati farblich aufgefrischt, stand, nicht zu übersehen, auf dem Beitisch. Frisch gefüllt mit vielen Süßigkeiten und sogar mit kleinen Würsten behangen, die der Fleischer extra für diesen Zweck herstellte. Jürgen kniete nieder und rutschte unter den Baum, denn dort stand ein Pferdchen, das er sich so sehr gewünscht hatte. Ich fand noch einen selbstgestrickten bunten Pullover und eine Kinderpost.

Jürgen und ich, glückliche Jungen mit vor Freude strahlenden Augen, begannen sofort mit dem Spielen. Die Erwachsenen mussten bei mir Einkaufen, durften Briefe versenden. Alle wurden einbezogen.

Die Stolle und das Weihnachtsgebäck, das mit frisch gebrühtem Malzkaffee auf dem Tisch stand, waren zunächst für uns zweitrangig.

Das Fehlen von meinem Vati hatte ich zunächst vergessen, aber nicht meine Mutti und die anderen.

Man steigerte sich in Vermutungen; fragte sich, ob etwas passiert ist, denn Herbert, so hieß mein Vati, sei doch sonst zuverlässig.

Plötzlich klingelte es. Der große Zeiger der Uhr hatte fast die Acht erreicht. Mutti stürzte hinaus; ein heftiger Wortwechsel drang in die Stube. Ich rannte raus, überfiel Vati mit einem Wortschwall über die vorgefundenen Geschenke.

Er nahm mich auf den Arm, so als ob nichts gewesen ist. Wir gingen, nachdem er die Kleidung abgelegt hatte, in die warme Stube. Bei Mutti rollten einige Tränen über die Wangen. Sie hatte bemerkt, dass Vati Glühwein getrunken hatte. Seine Kollegen und er waren auf den Leipziger Weihnachtsmarkt gegangen, um noch ein kleines Geschenk zu kaufen. Waren aber an einem Glühweinstand „hängen geblieben“ und hatten so den Zug verpasst.

Vati ließ sich nicht irritieren, blieb ruhig, ließ die Vorwürfe der anderen an sich abprallen und verlangte eine Schüssel mit Wasser. Alle schauten zweifelnd ihn an und wussten nicht, was sie davon halten sollten. Ich hatte auf Vatis Schoß Platz genommen, und er zog zwei kleine Pappschachteln aus seiner Jackentasche, eine für mich und eine für Jürgen.

Ich öffnete die Schachtel und ein kleines farbiges blechernes Boot kam zum Vorschein. Vati erklärte, dass das Boot einen Wassertank hatte, unter den man eine brennende Kerze stellen musste. Alle verfolgten das Geschehen, aber das Hauptthema blieb: „Wie kann man am Heiligabend mit Kollegen weggehen und die Familie allein lassen.“ Nur Opa Oswald blieb cool, wie man heute sagt, und beobachtete das Geschehen von seinem Stammplatz aus.

Die Freude über das kleine Boot als Weihnachtsgeschenk war bei uns Jungen groß. Die anderen großen Geschenke hatten wir zunächst vergessen. Jetzt mußte es ausprobiert werden. Es fehlte jedoch immer noch die große Schüssel mit dem Wassser. Deshalb ging Vati mit uns in das kalte Waschhaus, wo die Zinkbadewanne stand, kippte einige Eimer Wasser hinein und setzte das Boot, dessen Tank er vorher mit Wasser füllte, vorsichtig hinein. Wir Jungen hatten inzwischen warme Jacken erhalten, verfolgten jede seiner Bewegungen mit Spannung. Das Streichholz zischte, eine Flamme erschien, und der Docht der Kerze entflammte. Vorsichtig setzte er die Kerze in das Boot. Bald fing das Boot an zu knattern. Schwärzlicher Ruß stieg nach oben, und das Boot bewegte sich. Zwei begeisterte Jungen jauchzten, sprangen auf, klatschten in die Hände. Das Boot knatterte und ratterte, fuhr in der Wanne hin und her. Stieß an den Wannenrand und änderte dadurch fortwährend die Fahrtrichtung. Durch Stupsen mit den Fingern brachen wir es wieder auf Kurs und schauten begeistert auf dieses mit eigenem Antrieb fahrende kleine Boot.

Mein Vati freute sich über die gelungene Überraschung. Opa durfte die Wanne nicht wegräumen, denn das unscheinbare kleine Boot blieb in den nächsten Tagen viel in Bewegung.

Inzwischen kam auch meine Mutti und die anderen, um das Ereignis, das die Jungen so in Aufregung versetzte, anzusehen. Die Stimmung besserte sich langsam bei den Erwachsenen. Wegen der Kälte ging es bald wieder in die warme Stube. Man setzte sich, um sich zu unterhalten oder uns Kindern beim Spielen zuzuschauen.

Vielleicht als Wiedergutmachung für sein verspätetes Kommen, zog mein Vati seine Mundharmonika aus der Hosentasche und begann Weihnachtslieder zu spielen. Die Gespräche verstummten. Man lauschte den bekannten Klängen. Die Melodien erwärmten die Herzen, ließ die Lippen sich zum Gesang formen. Zuerst sang nur meine Omi die Lieder mit, doch nach und nach stimmten alle ein. Fast vergessen hatte man das verspätete Eintreffen meines Vatis und die damit verbundene Aufregung. Die besondere Stimmung des Weihnachtsfestes erfasste alle im Raum. Endlich waren alle glücklich und zufrieden mit der Feier. Auch wir Kinder, Jürgen auf dem Schoß der Omi und ich bei meiner Mutti, versuchten zu singen. Der leuchtende, glitzernde Christbaum und die Mundharmonikaklänge verzauberten uns alle. Es schien, als hätte ein Engel die Verstimmung genommen und aus dem Raum getragen. Und so wurde auch dieser Heiligabend für alle ein fröhlicher Abend.

Lange Jahre sprachen wir immer wieder über dieses untypische Weihnachtsfest – erinnerten uns dabei aber überwiegend an ein heiteres Ereignis.

Seit jenem Abend kam mein Vati nie mehr zu spät zur Bescherung.

Gerd Pechstein

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