weihnachtsbluemchen

Das Weihnachtsblümchen

Zu einer Zeit, als die Pflanzen noch sprechen konnten, erzählten sich Eiche und Buche am Waldrand von Weihnachten. Der Sommer schwand allmählich dahin. Eiche und Buche trugen noch ihr grünes Blätterkleid, das aber schon einen ersten herbstlichen Anstrich bekam. Weihnachten, das sei ein ganz besonderes Fest, schwärmte die Eiche, sie habe bereits viele davon erlebt. Jedes Mal würde ihr sprichwörtlich so hartes, unerschütterliches Holzherz dabei ganz weich. Die Buche konnte nur zustimmen. Ja, Weihnachten sei ein Fest der Liebe, sagte sie, und ihre Blätter zitterten vor Rührung.

Auf der Wiese vor dem Waldrand, wo die Schatten der mächtigen Baumkronen nicht hinreichten, sonnte sich ein Gänseblümchen. Es freute sich des Sommers, der Winter konnte gerne noch warten. Doch es hatte das Gespräch der Bäume belauscht. Weihnachten? Was ist das denn? Neugierig rief es zu Eiche und Buche hinauf, wann denn dieses Fest begänne, es wolle auch einmal so etwas Schönes erleben. Die beiden Bäume antworteten dem kleinen Blümchen, dass es Weihnachten sicher nicht erlebe, denn das Fest sei im Winter, wo alle Blümchen tief schlafen.

Das fand das Gänseblümchen ungerecht. Warum sollten nur Bäume Weihnachten erleben dürfen?

Es beschloss, den Winter abzuwarten. Denn es war gar zu erpicht darauf, dieses geheimnisvolle Ereignis namens Weihnachten mit eigenen Blütenaugen zu sehen. Die Bäume schüttelten ihre Kronen. “Du kleiner Naseweis, du wirst unterm Schnee versinken”, sagten sie. “Du wirst erfrieren, aber doch nicht Weihnachten erleben! Du bist ein Sommerkind, hast im Winter nichts über der Erde verloren.”

Euch werde ich’s schon beweisen, dachte sich das Gänseblümchen.

Und es blieb wachsam. Eiche und Buche wechselten die Farbe ihrer Blätter, sie wurden golden, dann braun, einige fielen schon von den Zweigen. Der Herbststurm fegte das Laub über die Wiese und deckte das Gänseblümchen damit zu. Doch das ließ sich nicht verdrießen und reckte sein Blütenköpfchen zwischen den Blättern in die Höhe. Die Nächte wurden länger, die Luft kälter, morgens erwachte das Gänseblümchen bibbernd unter einer Raureifschicht. „Ist jetzt der Winter da?”, fragte es.

„Das dauert noch“, meinten Eiche und Buche. “Noch ist die längste Nacht des Jahres nicht gekommen. Und du wirst sie kaum überstehen, wenn du nicht schleunigst schlafen gehst”, warnten sie das Gänseblümchen. Doch das erduldete tapfer den ersten Schnee, ertrug wehmütig die immer kürzeren und fahleren Tage.

“Wann ist denn endlich Weihnachten?, fragte es immer wieder.

„Naja, lange dauert es nicht mehr“, sagten die Bäume und staunten über die Ausdauer des zarten Blümchens.

Dem Gänseblümchen war es bang. Aber es nahm allen Mut zusammen, trotzte allen Widrigkeiten. Und schließlich war es so weit: „Heute ist der Heilige Abend“, verhießen feierlich Eiche und Buche. Sie hatten sich eigens für diesen Tag herausgeputzt.

Und jetzt, was passiert an Weihnachten? Das Gänseblümchen war sehr aufgeregt. Doch der Tag verlief wie die Tage zuvor: Frühmorgens eisig, vormittags nebelig, mittags wolkig, nachmittags düster. Das Gänseblümchen konnte es überhaupt nicht begreifen. Wie bitte, das sollte dieses wundersame Fest sein?

„Warte nur“, säuselten Eiche und Buch „warte noch ein kleines Weilchen.“

Es wurde dunkel.

Da lag plötzlich ein Glitzern überm Wald, von den Baumkronen bis hinab zur Wiese. Da klang auf einmal eine Melodie durch den Wald, durchs Geäst und das Laub. Eiche und Buche flüsterten, dass nun der schönste Augenblick im Jahr gekommen sei. „Jetzt spürst du den Zauber der Weihnacht“, flüsterten sie dem Gänseblümchen zu. Aber das Gänseblümchen hörte sie nicht und ließ enttäuscht sein Köpfchen hängen.

Da hob die Eiche an zu knarzen, da begann die Buche zu ächzen. Das Blümchen tat ihnen Leid. Sie reckten ihre Zweigfinger zum Blümchen hin, bis sie es fast erreichten. „Hörst du die Natur nicht singen“, meinten sie. „Siehst du die Sterne am Himmel nicht funkeln?“ Das Gänseblümchen hob sein Köpfchen. „Dies ist die längste Nacht im Jahr“, erklärten Eiche und Buche dem kleinen Geschöpf auf der Wiese. “Dunkel und kalt ist es – und doch eine verheißungsvolle Nacht, Weihnacht eben. Denn ab heute wird das Licht wieder in den Wald und auf die Wiese zurückkehren und mit ihm das Leben.“

Jetzt verstand das Gänseblümchen, warum Eiche und Buche so von Weihnachten schwärmten, und sein kleines Blumenherz hüpfte vor Freude. Nun werde ich jedes Jahr versuchen, zu Weihnachten zu blühen, um diesen besonderen Moment zu ehren, beschloss es.

Und so ist es gekommen. Gänseblümchen setzen alles daran, gerade zum Weihnachtsfest ihre Blütenköpfchen zu heben.

Schaut doch mal, ob ihr ein Gänseblümchen findet, das für euch zu Weihnachten blüht!

Karin Greiner

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